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"Chihiros Reise ins Zauberland" (Sieger bei den Oscars 2003)

Direkt die erste Oscar-Nominierung eines Animes führte auch zum Erfolg – und das trotz prominenter Konkurrenten wie "Ice Age". Der Streifen des japanischen Kultregisseurs Hayao Miyazaki, welcher das legendäre Filmstudio Ghibli mitgegründet hatte, nahm weltweit rund 230 Millionen Dollar ein und war damit für viele Jahre der kommerziell erfolgreichste Anime aller Zeiten.

Chihiros Reise ins Zauberland
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Die Handlung dreht sich um die junge Chihiro, die mit ihren Eltern im Wald auf einen mysteriösen Vergnügungspark stößt. Als ihre Mutter und ihr Vater plötzlich in Schweine verwandelt werden, gerät das Mädchen in eine unheimliche Geisterwelt, die von der bösen Hexe Yubaba kontrolliert wird. Um ihre Eltern zurückverwandeln und wieder in die normale Welt zurückgelangen zu können, muss es zahlreiche gefährliche Aufgaben bestehen.

"Chihiros Reise ins Zauberland" ist jedoch nicht nur für Kinder, sondern ebenso für Erwachsene sehenswert. Der Film setzt sich kritisch mit der menschlichen Konsumgesellschaft und Umweltzerstörung auseinander.

"Das wandelnde Schloss" (Nominierung für die Oscars 2006)

Drei Jahre später schaffte es der nächste Anime zu einer Oscarnominierung und wieder lautete der Regisseur Hayao Miyazaki.

"Das wandelnde Schloss" erzählt die Geschichte der jungen Hutmacherin Sophie, die eines Tages von Soldaten belästigt und von einem jungen Zauberer namens Hauro gerettet wird, mit dem sie sich auf Anhieb gut versteht. Die eifersüchtige Hexe aus dem Niemandsland belegt sie daraufhin mit einem Fluch, der Sophie zu einer 90 Jahre alten Frau altern lässt. Im Niemandsland hofft Sophie, eine Möglichkeit zu finden, wieder ihre normale Erscheinung annehmen zu können. Auf der Reise begegnet sie inmitten eines erbittert geführten Luftkrieges zwischen zwei Königreichen einem mysteriösen, umherwandelnden Schloss, zahlreichen verzauberten Geschöpfen und einem alten Bekannten, an den sie ihr Herz verliert...

Miyazaki positioniert sich in diesem Streifen deutlich gegen Kriege und thematisiert die Gefahren und Ängste, die sie mit sich bringen. Als Kulisse dienen ihm Städte, die an europäische Ortschaften während des 1. und 2. Weltkrieges erinnern. Dieses Wissen gewinnt noch zusätzlich an Brisanz, wenn man weiß, dass die Arbeiten am Film kurz vor dem umstrittenen Irakkrieg begannen, den Miyazaki vehement ablehnte.

"Wie der Wind sich hebt" (Nominierung für die Oscars 2014)

Wie der Wind sich hebt
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Weitere acht Jahre später konnte Miyazaki mit seinem bisher letzten Langfilm seine dritte Nominierung im Bereich "Bester animierter Spielfilm" feiern. Der Japaner gehört seitdem zu einem der weltweit vier Regisseure mit den meisten Nominierungen in dieser Kategorie.

Der Film "Wie der Wind sich hebt" handelt vom Leben des Flugzeugkonstrukteurs Jirō Hirokoshi, der im frühen 20. Jahrhundert legendäre Jagdflugzeuge für die Mitsubishi Aircraft Corporation entwickelte. Besonders thematisiert werden einerseits seine bedingungslose Hingabe zur Technik und der Wunsch, etwas Außergewöhnliches zu erschaffen, sowie andererseits die Problematik, dass seine Konstruktionen gleichzeitig auch als Kriegswaffen eingesetzt wurden und tausenden Menschen das Leben kosteten.

Miayazaki lebt in diesem Streifen nicht nur zum wiederholten Male seine große Flugleidenschaft aus, sondern arbeitet gleichzeitig das Verhältnis zu seinem eigenen Vater auf, der im Zweiten Weltkrieg Flugzeugteile für Mitsubishi produzierte und aus Sicht seines Sohnes ein "Kriegsgewinner" war. Anders als "Das wandelnde Schloss" ist "Wie der Wind sich hebt" aber kein reiner Anti-Kriegsfilm, sondern versucht auch, das moralische Dilemma von Technikliebhabern und Ingenieuren in politisch schwierigen Zeiten aufzuzeigen.

"Die Legende der Prinzessin Kaguya" (Nominierung für die Oscars 2015)

Auch die vierte Nominierung eines Animes für die Oscars ging an das Studio Ghibli. Hier führte sein Kollege und Mitbegründer Studios Isao Takahata, der acht Jahre für die Fertigstellung von "Die Legende der Prinzessin Kaguya" benötigt hatte.

In dem Film, der sich an einem jahrhundertealten Volksmärchen orientiert, geht es um einen armen Bambussammler namens Okina, der eines Tages in einem leuchtenden Bambus eine kleine Frau findet, die zu einem Baby wird, als er sie mit nach Hause nimmt. Er beschließt, sie Takenoko zu nennen und mit seiner Ehefrau Ōna in einfachen Lebensverhältnissen großzuziehen. Takenoko wird überdurchschnittlich schnell groß und genießt ihr Leben. Als ihr Ziehvater aber plötzlich Gold und andere Wertgegenstände in den Bambusstauden findet, ändert sich alles Schlag auf Schlag. Die Familie zieht in ein besseres Anwesen um und Takenoko soll elitär erzogen werden sowie adelig heiraten, was ihr wenig Freude bereitet.

Takahatas Streifen ist ein Plädoyer für das einfache, natürliche Leben, dem eine regulierte und aus Zwängen bestehende Gesellschaft gegenübersteht. Der pastellige Zeichenstil ähnelt Aquarellen, lehnt sich an die klassische japanische Malerei an und macht den Film zu etwas ganz Besonderem

"Erinnerungen an Marnie" (Nominierung für die Oscars 2016)

Die fünfte Ghibli-Produktion, die für die Oscars nominiert war, entstand unter der Regie von Hiromasa Yonebayashi.

Erinnerungen an Marnie
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Die 12-jährige asthmakranke Anna, die bei ihrer Pflegemutter Yoriko lebt, ist ein einsames und unglückliches Mädchen. Sie wird aufs Land geschickt, um sich zu erholen. Dort entdeckt sie eine alte, leerstehende Villa, in der es angeblich spuken soll, und begegnet dem mysteriösen Mädchen Marnie, mit dem sie sich anfreundet. Als Marnie plötzlich verschwindet, stellt sich heraus, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Anna versucht daraufhin gemeinsam mit der neuen Bewohnerin der Villa, Sayaka, dem Geheimnis des Mädchens auf die Spur zu kommen und stößt schließlich nicht nur auf Ereignisse ihrer eigenen Vergangenheit, sondern findet auch ihr Selbstwertgefühl und ihre Lebensfreude wieder.

"Die rote Schildkröte" (Nominierung für die Oscars 2017)

 

Auch beim sechsten oscarnominierten Anime hatte das legendäre Studio Ghibli seine Hände mit im Spiel, allerdings wurde der Film unter der Leitung des Regisseurs Michael Dudok de Wit erstmals im Rahmen einer französisch-japanisch-belgischen Co-Produktion angefertigt.

In "Die rote Schildkröte" landet ein junger schiffbrüchiger Mann auf einer tropischen Insel, die einzig von Tieren bewohnt wird. Er versucht daraufhin, die Insel mit einem Floss zu verlassen, scheitert jedoch immer wieder: Eine rote Schildkröte zerstört es jedes Mal. Als sie eines tages an Land kriecht, dreht er sie auf den Rücken und startet einen weiteren Fluchtversuch, wird aber von Gewissensbissen geplagt und kehrt zum Strand zurück. Dort angekommen stellt er fest, dass die Schildkröte gestorben ist, doch in der Nacht verwandelt sie sich in eine wunderschöne Frau, in die er sich unsterblich verliebt …

Diesen im nüchtern-klassischen Zeichenstil gehaltenen Film als nette Geschichte für Zwischendurch anzusehen, wäre wahrlich zu kurz gegriffen. Vielmehr sinniert er über die  wichtigen Themen des Lebens, allen voran der schnellen Vergänglichkeit von Zeit.

"Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft" (Nominierung für die Oscars 2019):

Der bisher letzte Anime-Streifen, der für einen Oscar nominiert wurde, stammt aus der Feder von Mamoru Hosoda. Die Studio-Chizu-Produktion ist damit die bisher einzige Anime-Oscar-Nominierung, an der Studio Ghibli nicht beteiligt war.

Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft
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In dem Film geht es um den verwöhnten vierjährigen Kun, der gemeinsam mit seiner Familie und einem Hund in Yokohama lebt. Als er eine kleine Schwester bekommt, fühlt er sich von seinen Eltern vernachlässigt und empfindet Eifersucht und großes Selbstmitleid. Durch einen magischen Familienbaum im Garten beginnt er Zeit- und Traumreisen, auf denen er unter Anderem seinem Hund in Menschengestalt, seiner Schwester als Teenagerin und seiner Mutter als Kind begegnet. Er kommt so hinter die Lebensgeschichte seiner Familie und beginnt zunehmend, Verständnis für ihr Handeln zu entwickeln und sich selbst zu hinterfragen.

Die Besonderheit der sieben hier vorgestellten Animes, die übrigens zu einem großen Teil in regelmäßigen Abständen bei ProSieben MAXX im Programm laufen, zeigt sich auch dadurch, dass es andere hochrangige und kommerziell erfolgreiche Streifen wie "A Silent Voice" oder "Your Name" nie von der Shortlist auf die Nominierungslisten der Oscarverleihungen geschafft haben. Die Zusammensetzungen der Jurys bei den Academy Awards und die US-Fixiertheit der amerikanischen Filmbranche machen es ausländischen Filmen traditionell schwer, Berücksichtigung zu finden. Allein die Nominierung eines Animes bei den Oscar-Verleihungen kann also nicht hoch genug eingeschätzt werden.